GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND // DER FILM VERLÄSST DAS KINO auf dem LICHTER Filmfest Frankfurt!

GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND
von Ula Stöckl und Edgar Reitz
1969-71, Restaurierung 2017/18

Uraufführung der restaurierten Fassung im Forum der Berlinale, Februar 2018

22 teilige anarchistisch-freigeistig-subversive Episodenserie von Ula Stöckl und Edgar Reitz aus den frühen 70er Jahren

„Das Kübelkind“ ist eine Kunstfigur: in jeder Geschichte zwingt die Gesellschaft sie, etwas zu lernen.
Aber sie, erwachsen vom Augenblick ihrer Geburt an, lernt ungefragt immer noch etwas mehr, als von ihr verlangt wurde. Das von der Gesellschaft nicht gewollte „etwas mehr“ Gelernte aber bringt sie regelmäßig in Lebensgefahr.

In jeder Geschichte stirbt Kübelkind. Sie stirbt sich durch alle Kino-Genres.
Ihre Geschichten haben alle möglichen Zeiten, und spielen in allen möglichen Zeiten.

AUF DEM LICHTER-FILMFEST FRANKFURT
DONNERSTAG, den 5.4., 20 Uhr
Mal Seh’n Kino
Kneipenkino á la carte!

Danach (22 Uhr): DER FILM VERLÄSST DAS KINO – Vom Kübelkind-Experiment und anderen Utopien – Dokumentarfilm von Robert Fischer

Was ist ein Kübelkind?

Am Anfang steht der Witz von der aufgezogenen Nachgeburt. Eine Nachgeburt ist zum Wegwerfen, nicht zum Aufziehen. Und damit fängt Kübelkinds Unrechtssituation an.

Kübelkind wächst in einer Mülltonne auf, von Anfang an in einem roten, kleingeblümten Kleid, roten Strümpfen und roten Schuhen.

Die Darstellerin des Kübelkindes, Kristine de Loup, trägt diese Kleidung plus einer schwarzen Chinesen-Pagenkopf-Perücke immer. In allen Geschichten. Damit man Kübelkind schon von weitem erkennt, und damit auch optisch schon klar wird: die kann sich anstrengen wie sie will, sie wird nie so sein wie wir.

Es sieht am Anfang so aus, als wäre Kübelkind gern im Kübel. Zumindest kennt sie es nicht anders. Dann kommt einer von uns und sagt, das ginge so nicht. Jeder hätte einen Vater und eine Mutter zu haben, brauche ein schönes Bett in einem hellen Zimmer und viele liebe Leute um sich herum. Kübelkind kennt das leider alles nicht, meint es aber freundlich, wenn sie sich darauf einläßt, ihren Kübel zu verlassen.

Es sollte auch nicht gesagt sein, daß es im Kübel am allerschönsten war, und daß man sie deshalb unbedingt hätte drin lassen sollen.

Aber die Alternative zum Kübel sind leider wir, und damit wird es für Kübelkind sehr kompliziert. Plötzlich muß sie aufhören, direkten Wünschen nachzugehen. Erziehungs- und Lernprozesse macht sie solange durch, mit allen Konsequenzen, bis sie mordet, hurt und stiehlt, selber ermordet wird, in der nächsten Geschichte wiederkommt und anfängt, sich zu rächen.


Kübelkind-Speisekarte
Auszug

1) Alte Männer
Wenn Kübelkind es will, stehen manche Männer ganz schnell in der Unterhose da. 1’06’’

2) Kübelkind’s Kindheit
Diese Geschichte sollte man sich auf jeden Fall ansehen! Eine Nachgeburt macht sich selbständig…, dann aber kommt die Wohlfahrt. 6’13’’

3) Kübelsyndrom
Etwas über die Fähigkeit unserer Gesellschaft, alles zu verstehen, zu verzeihen und zu vergelten. 10’15’’

4) Des Hauses Schmuck ist Reinlichkeit
Kübelkind unter der Dusche, im Regen und in der Traufe. 4’30’’

5) Katzen haben Flöhe
Kübelkind tut so, als würde es schlafen. Weil es gerne wissen möchte, was dann passieren kann. Aber die Stiefmutter kommt dazwischen. 8’34’’

6) Kübelkind wird glatt und rund
Kübelkind erlebt einen Erziehungsversuch durch einen geistlichen Herrn, der genau weiß, was gut tut. 4’52’’

7) Ein ganz kleines Glück
Kübelkind treibt es mit den Früchten des Feldes. 2’03’’

8) Kübelkind lernt einen Lord kennen und wird aufgehängt

Das stimmt, aber die Rache ist ganz besonders süß. 17’10’’

9) Kübelkind erzählt einer Königin ein Märchen

Eine Geschichte zum Hinhören und Zuschauen. 6’08’’

10) Kübelkind lernt ein Scheißspiel
Kübelkind erfährt am eigenen Arsch, wie zwischen Streicheln und Hauen ein spaßiger Zusammenhang entsteht. 3’31’’

11) Kübelkind lernt nein sagen
Kübelkind feiert eine Hochzeit, aber im entscheidenden Augenblick wird es trotzig, worauf die Waffen sprechen. 16’40’’

12) Murmeltier lernt tanzen
Kübelkind soll für den Jahrmarkt erzogen werden, singt schöne Lieder, beschimpft die Leute und brennt mit der Kasse durch. 18’51’’

13) Alle Macht den Vampiren
Es ist kaum zu glauben, wieviele Vampire es geben könnte. Kübelkind ruft sie zu einer großen Demonstration auf. 2’19’’

14) Freiheit durch Al Capone
Kübelkind redet dauernd von Revolution, aber Al Capone, die Sau, von etwas ganz anderem. 18’36’’

15) Eine Kaufhausdiebin
Nach einem schönen Kaufhausbummel sitzt Kübelkind auf dem Schoß einer Kollegin und macht nur ein bißchen mit. 3’38’’

16) Besonders nette Eltern
Kübelkind muß lernen, daß ein Beischlaf auch dann von Übel ist, wenn er auf dem Klo vollzogen wird. 9’’

17) Niedrig gilt das Geld auf dieser Erde
Kübelkind geht auf den Strich und wird dafür ermordet. 15’13’’

18) Geschichten und Finanzierungsvorschläge bitte an der Kasse.

 

DER FILM VERLÄSST DAS KINO –
VOM KÜBELKIND-EXPERIMENT UND ANDEREN UTOPIEN

Ein Dokumentarfilm von Robert Fischer
Fiction Factory Robert Fischer Filmproduktion, 2018

Im Mittelpunkt von Robert Fischers Dokumentarfilm Der Film verlässt das Kino: Vom Kübelkind-Experiment und anderen Utopien steht die Entstehungsgeschichte der wiederentdeckten und restaurierten Kübelkind-Geschichten. Edgar Reitz, Ula Stöckl, Werner Herzog, Alexander Kluge und weitere Filmemacher und Zeitzeugen erinnern sich an die Bedingungen, die das Kübelkind und ähnlich visionäre Projekte vor fünfzig Jahren überhaupt erst möglich machten. Sie alle bewegt die Frage: Wie wird die Zukunft des bewegten Bildes aussehen? Und: Brauchen wir überhaupt noch das Kino? Alexander Kluge sagt: „Ich gehe davon aus, dass wir das Reich der visuellen Eindrücke überhaupt nicht abgeschritten haben.“


AUF DEM LICHTER-FILMFEST FRANKFURT
DONNERSTAG, den 5.4., 22 Uhr
Mal Seh’n Kino

STAB
Regie, Buch, Produktion ……………………………… Robert Fischer
Kamera ……………………………………………………… Laura Ettel
Ton ……………………………………………………………  Florian Brüning
Schnitt ………………………………………………………. Robert Fischer
Herstellungsleitung …………………………………… . Françoise Ettel
Eine Fiction Factory Robert Fischer Filmproduktion
www.fictionfactoryfilm.de
in Zusammenarbeit mit Edgar Reitz Filmstiftung

MITWIRKENDE
Edgar Reitz
Ula Stöckl
Kristine de Loup
Werner Herzog
Klaus Eder
Christian Reitz
Bernhard Sinkel
Reiner Uthoff
Sylvia Uthoff
und
Alexander Kluge

Länge: 90 Minuten